Kalaripayattu ist die traditionelle Kampfkunst Südindiens

Sie wird seit Jahrhunderten in Kerala gelehrt und ist tief verwurzelt in der indischen Kultur. Diese Kampfkunst ist nicht auf schnelle Effektivität ausgerichtet. Der Kampfsportler findet keine direkten Techniken für den effektiven Straßenkampf, vielmehr ist Kalari eine Bewegungskunst, bei der die Freude an der Bewegung, Flexibilität und Dynamik im Vordergrund stehen. Erst nach intensiver Vorbereitung des Körpers wird im Partnertraining der Stockkampf und später die verschiedenen anderen Waffen geübt.
Hatte man einmal die Gelegenheit, Kalariexperten zuzusehen oder sogar an einem Training teilzunehmen, fühlt man sich mehr an einen Tanz erinnert; einen rasanten Kampftanz mit dynamisch fließenden Bewegungssequenzen, Drehungen und hohen Sprüngen.

Mit der engen Verwandtschaft zu Yoga und dem Heilsystem des Ayurveda erfreut sich Kalari auch in Europa immer mehr Beliebtheit.

Aufbau des Trainingsystems

Die erste Trainingsstufe heißt Maipayattu und bezeichnet die Körperkontrolle und Balance auf dem Boden und in der Luft. Der Kalariexperte nutzt den ganzen Raum in Höhe, Tiefe und Breite.
Die Vielseitigkeit der Bewegungsfolgen und Positionen sind aus dem Tierreich entlehnt. Es gibt den drehenden Fisch, den springenden Hirsch, Löwe, Pferd und Schlange, Wildschwein, Hahn und -natürlich- Elefant haben alle ihre Art sich zu bewegen, verteidigen und notfalls anzugreifen.

Die im Grundtraining eingeübten Bewegungen werden in der zweiten Trainingsstufe -Kolthari- mit verschiedenen Waffen aus Holz geübt. Dann dienen z.B. Stock und Speer als Verlängerungen des Körpers. Und jetzt kommt auch die kämpferische Komponente von Kalari voll zum Ausdruck: Der bewaffnete Kampf wird mit einem Partner trainiert. Doch auch diese Sequenzen verlieren nicht den tänzerischen Ausdruck und die Eleganz der Bewegungsabfolgen.

Die dritte Stufe – Ankathari – führt Waffen aus Metall ein. Schwert, Schild, Messer, Dolch u.a. erfordern eine noch größere Präzision und Körperkontrolle.

Ein Sprichwort in Malayalam, der Sprache Keralas, sagt, dass beim Kalari der ganze Körper so sensibel und wachsam wie ein Auge werden soll. Diese Einstellung ist ein fundamentales Grundprinzip des Kalari. Und dazu zählt neben Körperkontrolle, differenzierter Koordination und Flexibilität auch die innere Aufmerksamkeit und Achtsamkeit.
Hier wird der tiefe Bezug zum Yoga deutlich. Das ganzheitliche Konzept von der Einheit von Körper und Geist wird auch im Kalari in Form von Asanas (Positionen), Pranayama (Atemlenkung) und Meditation geübt.
Geschmeidigkeit und Beweglichkeit des Körpers und Aufmerksamkeit und Konzentration des Geistes werden außerdem durch die Ausführung der therapeutischen Massage mit pflanzlichen Ölen unterstützt
Denn eingebettet in die Kalaritradition ist ein Heilwissen, eng verbunden mit der ayurvedischen Heilkunde. Der Kämpfer soll fähig sein, die Verletzungen des Kampfes auch zu heilen. Im Mittelpunkt dieser Heilkunst steht die Lehre der Marmas, der Vitalpunkte im Körper. Dieses Geheimwissen wird dem Schüler nicht eher offenbart, bis der Meister von dessen gutem Charakter und positiver Bereitschaft überzeugt ist.

Dies bezeichnet dann die vierte und letzte Stufe im Trainingssystem, Verumkai.
Auf dieser Stufe wird der Schüler also in die Marmalehre eingeweiht, um deren heilende Wirkung in der Kalarimassage zu nutzten, aber auch, um anzugreifen und sich zu verteidigen. Das wird im unbewaffneten Kampf trainiert.

Das philosophisches System, auf dem Kalari beruht, gibt einen präzisen Weg der Gewaltlosigkeit vor, weg von Aggression und hingerichtet zu Selbstanalyse und Selbstkontrolle. Das Ziel eines jeden Kalarischülers ist deshalb nicht nur die reine Kenntnis aller Verteidigungs- und Angriffstechniken, oder die bloße Anwendung der verschiedenen Waffen, sondern es geht außerdem darum, Gefühle wie Zorn und anderes impulsives, gewalttätiges Verhalten zu überwinden und zu zähmen.

Im Kalaritraining stehen Körperbewusstsein, Selbstwahrnehmung, Konzentration und Beweglichkeit im Mittelpunkt. Der ganze Körper wird sensibilisiert, in Wachsamkeit und Aufmerksamkeit geschult. Das macht es nicht nur für Kampfsportler interessant, sondern auch für Tänzer, Schauspieler und alle Menschen, die ihr Körpergefühl verbessern wollen.